Wann haben wir eigentlich verlernt, einfach nichts zu tun?

Ein freier Nachmittag, kein Termin, und nach wenigen Minuten greift die Hand zum Handy. Nichtstun fällt vielen von uns schwerer, als es klingt. In diesem Beitrag schaue ich mir an, was die Forschung dazu weiß und was eher Erfahrung ist, wie du Leerlauf Schritt für Schritt wieder aushältst und wo die Sauna dabei eine Möglichkeit sein kann, aber keine Lösung für alles.
Symbolbild: Saunazeit / KI

Wenn Stille plötzlich unbequem wird

Du sitzt auf dem Sofa, es gibt nichts zu erledigen, und trotzdem wird es nach zehn Minuten unruhig. Also schaust du kurz aufs Handy, räumst die Schublade auf, die schon lange stört, oder suchst dir irgendeine andere Kleinigkeit. Dazu kommt oft ein leises schlechtes Gewissen, als hättest du etwas versäumt.

Das ist kein persönliches Versagen. Ratgeber beschreiben, dass sich Zurücklehnen für viele eher nach Schuldgefühlen als nach Entspannung anfühlt. Außerdem ist die Freizeit oft voll mit Terminen, und Ablenkung ist rund um die Uhr verfügbar. Ob wir das Nichtstun tatsächlich verlernt haben, lässt sich schwer sagen; vermutlich ist es eher eine Frage der Gewöhnung. Wie sich Dauerstress auf den Körper auswirken kann, habe ich in meinem Beitrag „Dauerstress macht krank – Wie du dein Cortisol ins Gleichgewicht bringt“ beschrieben.

Fragen, die zum Nachdenken anregen

Bevor es um Tipps geht, lohnt ein ehrlicher Blick auf dich selbst. Vielleicht magst du dir diese Fragen stellen:

  • Wonach greifst du als Erstes, wenn plötzlich nichts zu tun ist?
  • Wann hast du zuletzt zehn Minuten am Stück gesessen, ohne dabei etwas zu erledigen?
  • Fühlt sich Ruhe für dich eher nach Erholung an oder nach verlorener Zeit?
  • Welche Gedanken tauchen auf, wenn es still wird, und weichst du ihnen manchmal aus?

Es gibt dabei keine richtigen oder falschen Antworten. Wer merkt, dass Ruhe vor allem ein schlechtes Gewissen auslöst, hat schon einen wichtigen Hinweis gefunden, wo das Üben ansetzen kann.

Was wir darüber wissen, kurz und ehrlich

Dein Gehirn schaltet beim Nichtstun nicht ab. Die Forschung beschreibt eine Gruppe von Hirnregionen, das sogenannte Default Mode Network, die vereinfacht gesagt aktiv ist, wenn du keiner konkreten Aufgabe nachgehst, zum Beispiel beim Tagträumen, Nachdenken oder Erinnern. Die Neurowissenschaftlerin Friederike Fabritius schreibt laut diesem Bericht, dass kreative Aha-Momente oft dann entstehen, wenn dieses Netzwerk aktiv ist. Wissenschaftlich ist das allerdings noch nicht abschließend geklärt, denn ob Leerlauf Kreativität tatsächlich fördert, wird weiter untersucht.

Auch bei der Frage, ob schweifende Gedanken eher belasten oder angenehm sind, fallen die Befunde unterschiedlich aus. Mal waren Menschen dabei weniger glücklich, mal wurde es im Mittel als leicht angenehm erlebt. Es hängt wohl stark davon ab, wohin die Gedanken gehen und wie du selbst tickst. Wer zum Grübeln neigt, kann beim Nichtstun in unangenehme Gedanken rutschen.

Für bewusstes Nichtstun gibt es sogar ein eigenes Wort: Niksen, niederländisch für „herumsitzen“. Es ist eher ein Lebensgefühl als ein Studienergebnis und funktioniert am besten, wenn es nicht zur nächsten Pflicht auf der To-do-Liste wird. Nimm das Ganze deshalb nicht als Heilsversprechen, sondern als Einladung: Leerlauf kann deinem Kopf Raum geben, mehr nicht.

Tipps und Tricks für den Alltag

Du brauchst dafür weder eine Sauna noch einen Kurs. Es hilft, klein anzufangen, denn laut einem Bericht der Pharmazeutischen Zeitung über Fabritius kann sich Leerlauf anfangs unangenehm anfühlen, und das Gehirn braucht Zeit, sich an das ungewohnte Empfinden zu gewöhnen. Die Zeitangaben sind Orientierungswerte, keine festen Regeln:

  1. Zwei Minuten am Stück: Setz dich ohne Bildschirm ans Fenster und lass die Gedanken laufen. Ein Ratgeberartikel von Utopia empfiehlt, mit zwei Minuten täglich zu beginnen und dich danach langsam zu steigern.
  2. Wartezeiten ohne Handy: An der Bushaltestelle, in der Kaffeepause oder im Wartezimmer bleibt das Handy in der Tasche. Eine ähnliche Idee, die „analoge Minute“, beschreibe ich in „Omas Küchengarten & Opas Sonntagsspaziergang“.
  3. Eine feste Zeit im Kalender: Fabritius schlägt 15 Minuten täglich vor, etwa auf dem Balkon sitzend oder im Bett liegend, ohne Ziel und ohne Gedanken an Produktivität.
  4. Eine handyfreie Bad: Warmes Wasser in der Badewanne, ein ruhiger Moment und keine Reize von außen. Auch das Badezimmer kann ein Ort sein, an dem die Gedanken frei wandern und man für eine Weile einfach abschalten kann.
  5. Eine Gewohnheit als Anker: Mein Vorschlag: Häng das Nichtstun an etwas, das du ohnehin tust, zum Beispiel an die erste Tasse Tee oder Kaffee am Morgen.
  6. Das Handy in einen anderen Raum legen: So wird die Versuchung kleiner, und du musst dich nicht jedes Mal neu dagegen entscheiden. Das ist ebenfalls mein Vorschlag und keine Studienempfehlung.

Wenn es sich anfangs unruhig anfühlt, ist das normal. Gib dir ein paar Anläufe, bevor du entscheidest, dass es nichts für dich ist. Und mach daraus keine Pflicht, denn sonst wird es zur nächsten Aufgabe.

Wo die Sauna dabei eine Möglichkeit sein kann

Ein Saunagang ist im Grunde ein kleines Stück organisiertes Nichtstun: Du sitzt oder liegst ein paar Minuten in der Wärme, und es wird nichts von dir erwartet. Für Menschen, denen Stille zu Hause schwerfällt, kann dieser Rahmen eine Hilfe sein, weil er dir die Entscheidung abnimmt, ob du gerade etwas tun solltest. Mein Rat: Leg dein Handy weit weg, am besten in einen anderen Raum, damit du gar nicht erst in Versuchung kommst, danach zu greifen. So kannst du deinen Saunagang bewusst genießen, ohne dass Nachrichten, Anrufe oder der Blick aufs Display dich aus der Ruhe bringen. Warum viele Menschen Sauna und Therme als Rückzugsort erleben, beschreibe ich in „Wellness mit Herz: Sauna und Therme als Oasen der Seele“.

Was sich sagen lässt: Viele Saunagänger empfinden die Wärme als angenehm und entspannend. Mehr Hitze bedeutet dabei nicht automatisch mehr Entspannung. Entscheidend ist, dass du dich wohlfühlst und die Wärme genießen kannst.

Nicht jeder mag die Sauna, und das ist völlig in Ordnung. Auch ein warmes Bad, eine Bank im Park oder ein ruhiger Moment am Fenster mit einer Tasse Tee können dir helfen, abzuschalten. Und damit aus deinem Ruhemoment etwas Gemütliches wird, findest du meinen Produkt-Tipp ganz unten

Meine Einschätzung

Ich glaube, wir erwarten oft zu viel von unserer freien Zeit. Selbst wenn wir uns eine Pause gönnen, soll sie möglichst erholsam sein, neue Energie bringen oder uns auf gute Gedanken bringen. Doch damit machen wir ausgerechnet aus der Ruhe wieder eine Aufgabe. Für mich liegt der eigentliche Wert des Nichtstuns darin, dass es einmal um nichts gehen muss. Du musst dabei weder kreativ werden noch neue Kraft sammeln oder am Ende etwas Besonderes empfunden haben. Manchmal reicht es völlig, eine kleine Lücke im Tag nicht sofort zu füllen. Vielleicht ist genau das etwas, das wir uns wieder öfter erlauben sollten.

Buch-Tipp

Wenn dich das Thema über diesen Artikel hinaus beschäftigt, passt ein Buch dazu: „Nichts tun: Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen“ von Jenny Odell, erschienen als Taschenbuch bei Beck. Laut Verlagstext geht es darum, wie wir uns dem ständigen Kampf um unsere Aufmerksamkeit entziehen können, und um bewusste Formen des Nichtstuns, etwa die Beobachtung der Natur. Es ist eher eine nachdenkliche, gesellschaftskritische Lektüre als ein praktischer Ratgeber mit Tipps, und der Verlagstext betont auch den politischen Anspruch der Autorin.

Nichts tun: Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu...

Als zweite Lektüre passt „Zen, und die Kunst nichts zu tun“ von Stefanie Hartl: 52 kurze buddhistische Geschichten, eine pro Woche, laut Beschreibung ohne spirituelles Vorwissen.

Zen, und die Kunst nichts zu tun - 52 buddhistische...

Redaktioneller Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Worauf der Text beruht: Die Beschreibung des Default Mode Network und die Empfehlungen von Friederike Fabritius (zum Beispiel 15 Minuten täglich) stammen aus einem Bericht der Pharmazeutischen Zeitung (dpa, 29.01.2026) über ihren Newsletter. Sie sind Orientierungswerte und keine Studienergebnisse. Vom Überblicksartikel zum Default Mode Network und Kreativität (2025) wurde nur die Zusammenfassung gelesen. Dass schweifende Gedanken einmal als weniger glücklich machend, einmal als im Mittel leicht angenehm beschrieben werden, beruht auf einer Meldung der Harvard Gazette zu einer Smartphone-Befragung (2010) und auf einer kritischen Kommentierung von Fox et al. (2014); die Originalstudie in Science konnte nicht direkt geöffnet werden. Die Angaben zu Niksen, zum Risiko bei Neigung zum Grübeln und zum Einstieg mit zwei Minuten stammen aus einem Ratgeberartikel (Utopia, 2025); die dort genannten Studien wurden nicht selbst geöffnet. Zur Sauna wurde die Zusammenfassung einer Übersichtsarbeit (Hussain und Cohen, 2018) auf PubMed gelesen, der Volltext war wegen einer Sicherheitsabfrage nicht abrufbar. Die Tipps 5 und 6 sowie die Aussage, dass die Sauna Nichtstun besser ermöglicht als andere Orte, sind Vorschläge beziehungsweise Einschätzungen und nicht belegt. Hersteller- und Anbieterseiten wurden nicht verwendet. *Mit Sternchen gekennzeichnete Links sind Affiliate-Links: Wenn du über einen solchen Link einkaufst, erhalten wir eine kleine Provision, für dich ändert sich der Preis nicht. Stand der Recherche: 27.10.2026
Quellen und weiterführende Informationen

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